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Alt 4. June 2010, 19:49   #1
H&K Schütze
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Standard Der Chemische Langzeitzünder war es ...

Hallo liebe Gemeinde !

Ergänzend zu den Medienberichten zum Unglück in Göttingen bei welchem auch ein guter Bekannter Kollege und von mir sehr geschätzter Ausbilder ums Leben gekommen ist, möchte ich heute mal ergänzend den schuldigen US Langzeitzünder M123 zeigen und in Kurzform erläutern. Weiter möchte ich euch auch das Englische Gegenstück, den LZZ No.37 zeigen. Die Laufzeit ist normalerweise mit 1-144 Stunden festgelegt. Wie wir sehen, dauert es machmal auch viele Jahre bis er auslöst. Dies liegt häufig an der Endlage der ganzen Bombe. In Göttingen war es eine SAP Bombe mit 1000 lbs. Auf Deutsch eine Halbpanzerbrechende 500 Kg Bombe mit einem Heckzünder M123. Zur Funktion: Beim Abwurf der Bombe wird ein Sicherungsstift gezogen und das Windrad kann nun in der Fallströmung eine Gewindestange in den Zünder drehen. Diese zerdrückt eine Glasampulle welche mit Aceton gefüllt ist. Das Aceton läuft aus und wirkt auf eine Halte und Sperrschicht aus Zelloloid. Diese werden dadurch langsam weich und können nach einer bestimmten Zeit der Zugkraft der gespannten Zündnadel nicht mehr standhalten und sie schlägt ab auf die darunter sitzende Sprengkapsel. Diese leitet dann über eine Übertragungsladung die Detonation der Bombe ein.
Bei einem heutigen Fund reicht bereit die kleinste Umlagerung der Bombe durch Berührung oder Grundwasserabsenkung um diesen Zünder dazu zu bringen seinen Auftrag heute noch auszuführen. Erfahrungsgemäß sind die Zünder im Inneren erhalten wie am Tag der Herstellung.

Mike
Angehängte Grafiken
Dateityp: jpg US LZZ Mod. 123.JPG (138.2 KB, 130x aufgerufen)
Dateityp: jpg GB LZZ No. 37.JPG (135.8 KB, 120x aufgerufen)
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Alt 4. June 2010, 21:36   #2
SUdR
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Sehr interessant. Danke für den Beitrag.
Was die sich alles einfallen lassen; 1-144 Std. unglaublich.
Und auf die Idee muss man erst einmal kommen einen solchen Zünder zu konstruieren.
Wenn es ums Töten geht, ist der Mensch schon immer grausam einfallsreich gewesen.
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Alt 4. June 2010, 21:55   #3
stefan
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Moin

Ich bitte freundlichst darum zu bedenken, das diese Entwicklungen nicht vom grausamen, gewissenlosen, hemmungslosen..............Spezies Mensch stammen, sondern ihren Ursprung fast immer zwingend in der chemischen Technologie finden.
Will sagen, für dergleiche Zwecke gibt es i.d.R. technische Anwendungen, die dem kriegerischen Verwendungszweck konträr sind.
Stellt sich wie immer die Frage, ist der Krieg der Vater aller Dinge.? Ich sehe das nicht so.

Auch ist es falsch derartigen Entwicklungen immer etwas negatives vorrauszuschicken.................

stefan
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Erfahrung ist das, was man erlangt kurz nachdem man es hätte gebrauchen können.
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Alt 4. June 2010, 22:25   #4
grauwolf
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DerTod der Feuerwerker hat mich zutiefst erschüttert, machen die Jungs ihre Arbeit doch seit Jahren, ein Kampfmittel nach dem anderen...Und dann das!
Moralische Schuldzuweisungen sind wohl dass letzte, was die Männer hätten hören wollen!!
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Alt 5. June 2010, 08:32   #5
H&K Schütze
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Das ist völlig richtig. Auch Erfahrung im Beruf spielt dabei keine Rolle. Mein Kollege und Ausbilder Thomas G. welcher mit 52 Lebensjahren und über 20 Jahren Berufserfahrung bei knapp 650 Entschärfungen keine Routine an den Tag legte hatte keine Chance diesem Unglück zu entgehen.

Mike
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Alt 5. June 2010, 22:17   #6
MOIN
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guter beitrag!
aber wie entschärft man so einen empfindlichen zünder überhaupt?wenn eine bewegung unmöglich ist?
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gruß

moin
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Alt 5. June 2010, 22:33   #7
grauwolf
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Es geht nicht, weil man in der Regel beim auffinden einer Bombe überhaupt nicht weiss, um welchen Zünder es sich handelt!Bewegt man dann das Objekt, um den Zünder zu prüfen kann es schon zu spät sein!!
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Alt 5. June 2010, 23:26   #8
Götterbote
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Das ist so nicht ganz richtig. Man kann Kampfmittel soweit freigraben, das die Zünder zugänglich sind, aber die Kampfmittel dabei nicht bewegt werden.

In der Waffenrevue Nr.6 aus dem Jahre 1972 befindet sich ein interessanter Artikel über das Entschärfen von Bomben mit dem LZZ37. Gezeigt wird der Sprengmeister Richard Hesse, wie er mit einer selbstkronstruierten Vorrichtung, diesen gefährlichen Zünder unschädlich macht.
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Alt 6. June 2010, 08:58   #9
H&K Schütze
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Als Entschärfer muß man die Bombe soweit freilegen, um zu erkennen welcher Zünder verbaut ist. Dies ist ohne weiteres möglich da jeder Zünder seine äußeren Merkmale hat. Außerdem ist eine Bombe mit nur einem Heckzünder schon zu 99% eine Hinweis auf einen Langzeitzünder ( LZZ ) da dieser immer im Heck verbaut ist und einen Kopfaufschlagzünder ausschließt. Da fast alle LZZ eine Ausbausperre haben ist es in der Regel nicht möglich den Zünder einfach so mit der Rohrzange auszuschrauben. Deshalb werden diese Zünder immer Fernentschärft und dazu nutzt man eine so genannte Seilscheibe welche auf dem Zünder verschraubt wird und dann mit einem Seil samt Zünderbuchse gedreht wird. Man nutzt auch eine Hydraulische Presse mit welcher der Zünder aus seinen Gewindegängen gezogen wird oder eine Raketenklemme zum ausdrehen. Das neuste ist zur Zeit ein Wasserschneidgerät mit welchem der Zünder aus der Bombe geschnitten wird. Dieses Verfahren sollte auch in Göttingen um 22.30 Uhr zur Anwendung kommen. Leider löste der Zünder schon um 21.37 Uhr aus. Der Grundatz lautet : Fernentschärfung geht vor Handentschärfung und Sprengung geht vor Entschärfung. Eine Kontrollierte Sprengung ist in dicht bebauten Regionen oft auszuschließen.

Mike
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Geändert von H&K Schütze (6. June 2010 um 09:17 Uhr).
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Alt 6. June 2010, 09:53   #10
grauwolf
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Sehr interessante Beiträge, meine Herren, vielen Dank dafür!Habe eine Menge dazugelernt!Ist doch ein Thema, welches uns noch lange begleiten wird, wenn man den Experten glauben darf!Ist es richtig, das auf jede detonierte Bombe ein Blindgänger kommt?
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Alt 6. June 2010, 10:30   #11
stefan
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Moin

Ich bin auch beeindruckt ob der technischen Hintergründe. Ausgesprochen interessante Ausführungen, Kompliment.

@Grauwolf:

Ich finde die ursprüngliche Quelle nicht, darum diese:

http://www.focus.de/politik/deutschl...id_143791.html

Zeitbomben, die irgendwo vergraben sind, so las ich, werden auf 2000 Stck geschätzt.
Bei konventionellen Bomben mag ich nicht glauben, das die Hälfte Blindgänger sind. Vor ~15 Jahren sah ich mal Luftaufnahmen aus Bombern heraus, nach denen der Kampfmittelräumdienst in Darmstadt arbeitete. Man sah klar die detonierten Bomben Richtung Merck und Hauptbahnhof. Dazwischen erkannte man sehr wenige Einschläge von nicht explodierten, die von der Herren sondiert und entschärft wurden.

stefan
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Alt 6. June 2010, 15:02   #12
H&K Schütze
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Zum Einsatz kamen von alliierter Seite im Rahmen von 1.440.000 Flugeinsätzen 1.996.036 Tonnen Abwurfmuntion über Deutschland. Grundsätzlich ging man damals und geht man heute von 20 % Blindgängerquote gesamt aus. Dabei macht man aber keinen Unterschied zwischen INC 4 lbs Stabbrandbombe oder sagen wir mal HC 8000 lbs Großladungsbombe. Die Fundhäufigkeit der Langzeitzünderbomben ist ganz einfach zu erklären. Fast alle gefundenen Bomben mit LZZ liegen in der Endlage mit der Spitze nach oben im Boden. Und dies wirkt sich negativ auf die Funktionsweise der LZZ aus. Das flüssige Aceton läuft in der Endlage in das Heck des Zünders und wirkt somit nicht direkt mit voller Stärke auf die Zelloloid- Scheiben. Nur dessen Dämpfe wirken und der Zerfall dauert sehr lange. Somit werden Selbstdetonationen wie beispielweise kürzlich in Österreich immer wieder vorkommen. Die Endlage der Bomben ist dadurch zu erklären das sie auf Grund Ihrer Form und Spitze in den Boden eindringt und abgeleitet wird und somit im Bogen wieder nach oben gleitet. In aller Regel liegen die Bomben in der Gewichtsklasse 250 Kg bis 500 Kg auf einer Tiefe von 5-7 Meter. In Göttingen lag die Bombe auf 7 Meter Tiefe.
Luftbilder sind auf freiem Gelände eine gute Hilfe. Im ehemals bebauten Gebiet weniger weil im Trümmerbereich durch Schuttanhäufung keine Verdachtspunkte zu sehen sind. Ansonsten werden diese schon ausgewertet und man führt dann ca. 7m tiefe Bohrungen durch um eine Metallsonde runter zu lassen und Anomalien im Erdreich zu messen. Sollte man mit vielen Bohrungen einen solchen Wert messen, so kommt es dann mit Hilfe von Schachtringen oder Spundwandkästen sowie in aller Regel einer Grundwasserabsenkung zu einer Öffnung und Angrabung des Fremdkörpers. Zu 95% ist es dann auch eine Bombe.

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Geändert von H&K Schütze (6. June 2010 um 15:11 Uhr).
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Alt 6. June 2010, 15:08   #13
SUdR
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Wasserschneidetechnik.
Währe es denn nicht möglich, den Bombenkörper an zu schneiden und dann aus zu spülen? Oder ist der Sprengstoff flüssig eingegossen und hart?
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Alt 6. June 2010, 15:14   #14
H&K Schütze
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Zitat:
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Wasserschneidetechnik.
Währe es denn nicht möglich, den Bombenkörper an zu schneiden und dann aus zu spülen? Oder ist der Sprengstoff flüssig eingegossen und hart?
Dies geht nicht denn der Sprengstoff ( Comp.B , TNT , Amatol u.s.w. ) ist hart wie Beton. Er wurde damals flüssig dort eingegossen.

Mike
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Alt 6. June 2010, 15:42   #15
grauwolf
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100.000 Blindgänger noch nicht gefunden??Oder wollen diese gar nicht gefunden werden??
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